Herbst 2023, Paris Montparnasse, in einer dieser verzauberten Nebenstraßen …
Im 1. Stock ihres wohl in den 1990er Jahren erbauten und von der Stadt Paris zur Verfügung gestellten Ateliers erwartete sie mich. Über eine enge Wendeltreppe gelangte man vom dunklen Grün des Vorgartens im Erdgeschoss in den lichtdurchfluteten oberen Teil des Studios. Dort saß sie, die damals 95-jährige Anna Mark, an ihrem großen Zeichentisch. Selten berührt einen ein Blick von gleichzeitig solcher Herzlichkeit und Neugier. Augenblicklich war klar, dass für diese Künstlerin Zeichnen, Bilder-Bauen einen ganz zentralen Lebensinhalt darstellte.
Ganz offensichtlich verband sich in ihrer Person ein Höchstmaß an Gelassenheit gepaart mit einem Gestaltungswillen, der präzise vorangetrieben wird. Das heißt aber nicht, dass sie diesen bildnerischen Ernst nicht immer wieder hinterfragte, wenn nicht gar augenzwinkernd mit bestimmten, spontanen Impulsen der zeichnenden Hand konterkariert hätte.
Meist „langsame“ Bilder sind es, die sich mit der Tradition des Ungarischen Konstruktivismus’ genauso auseinandersetzen wie mit der Kunstlandschaft des Nachkriegs-Frankreich.
Auf die Frage, ob sie noch arbeite, erwiderte sie, dass leider ein ganz spezielles, handerschöpftes Papier zu Ende gegangen sei und sie deshalb keinen rechten Impuls habe, aber – mit einer umspannenden Geste zeigte sie auf den mit Arbeiten an den Wänden und in Grafikschränken gefüllten Raum …
Einiges ist gesagt. Und weit über ihren Tod hinaus hat sie uns mit ihrem Werk Vieles zu erzählen.